Publikum feiert herausragende Darsteller

Das ArtEnsemble begeisterte am Samstag Abend das Premierenpublikum im Lokschuppen mit der Inszenierung von Yasmin Rezas Stück „Kunst“.

 

„Eine Katastrophe wegen einer weißen Holzspanplatte“, fasst Yvan (Michael Dölling) zusammen, was die Zuschauer in den letzten 90 Minuten immer wieder zu prustendem Gelächter getrieben hatte. Yvan hatte viel einstecken müssen, als er in dem Streit zwischen Marc (Clemens Otte) und Serge (Arno Wagner) auf einmal als Blitzableiter dienen musste – emotional wie auch körperlich. Dabei hatte Serge sich doch nur ein Kunstwerk gegönnt und es stolz Marc präsentiert. Dieser bemühte sich zu Anfang redlich, den Kunstgedanken hinter einem Ölgemälde zu begreifen, welches weiße diagonale Streifen auf einem weißen Grund darstellen sollte. Spätestens bei der Nennung der Kosten für dieses Gemälde war es mit seiner Zurückhaltung vorbei. „200 Riesen für eine weiße Scheiße?“, war sein von einem Lachanfall begleiteter Kommentar. Serge lachte nicht mit und so nahm das Unheil seinen Lauf, welches aber die etwa 110 Premierenbesucher im Lokschuppen prächtig unterhalten sollte.

 

Der bedauernswerte Yvan, dritter Freund im Bunde, wurde von beiden Parteien gebeten, seine eigene Meinung zu dem Kunstwerk zu äußern. Er konnte nur verlieren und tat dies mit einer bemerkenswerten Leidensfähigkeit und Emotionsgewalt, die das Publikum mehrfach atemlos werden ließ. Die Diskussionen wurden schnell persönlich, hämisch und es flogen sogar Fäuste. Fulminante Dialoge, herrliche Spielfreude und ein großartiges Bühnenbild taten sein Übriges, dem weltweit beliebten französischen Stück der Autorin Yasmin Reza alle Ehre zu erweisen. Jeder Zuschauer kann selbst entscheiden, wie er diesem Stück begegnen will. Neben der reinen Komik bietet es nämlich durchaus noch eine tiefe Tragik, die den eigenen Begriff der „Freundschaft“ zur Analyse stellt, wenn sich das Publikum darauf einlassen möchte. Wie viel Ehrlichkeit verträgt eine Freundschaft und wie viel Toleranz ist eine Grundvoraussetzung? „Du bist zufrieden und das ist die Hauptsache“, sagt Marc zu Yvan. Er glaubt was er sagt und liegt dennoch falsch. Denn eigentlich geht es in diesem Stück jedem nicht um den Freund sondern einzig um dessen Rolle für sich selbst. So befindet sich eine 25jährige Männerfreundschaft jetzt in der Probezeit, die hoffentlich ein positives Ende nehmen wird. Es bleibt festzuhalten, dass die drei Darsteller in ihren Rollen brillieren. Clemens Otte als Marc überzeugt und berührt in seiner stetig bröckelnden Selbstsicherheit, die in Wut und dann Trauer umschlägt. Die Naivität und spätere Verletztheit von Arno Wagners Serge erreicht die Zuschauer auf vielen Ebenen, so sehr, dass es sich fast wünscht, es sei doch etwas auf der weißen Holzspanplatte zu erkennen. Nur damit sich alle wieder vertragen. Das eigentliche Opfer des Abends, Yvan, wird von Michael Dölling großartig ausgefüllt. Er bringt zum Lachen und zum Weinen, alles an ihm signalisiert Verzweiflung, die beim bloßen Zusehen Schmerzen bereitet. Und doch ist er der Einzige, der letztendlich begreift.

 

Völlig verdient fiel der Applaus im Anschluss sehr großzügig aus. Elke Münch hat es wieder geschafft, ein bekanntes internationales Stück auf die Lokschuppen-Bühne zu bringen, das zu begeistern vermag. Davon konnte sich auch Jevers Abteilungsleiter für Bürgerdienste, Tourismus, Freizeit und Kultur Jörg Schwarz überzeugen, der mit seiner Ehefrau  zur Premiere gekommen war.

 

erschienen am 28.4.2015 im Jeverschen Wochenblatt