Stefan Gwildis erobert das Pumpwerk erneut

Am Samstag überzeugte der Hamburger Ausnahmekünstler Stefan Gwildis im Pumpwerk auch die Besucher in den hintersten Stuhlreihen.

Im Rahmen des 17. Jade Jazz Jam hatte der Jazzclub Wilhelmshaven Friesland einige großartige Veranstaltungen im Angebot. Gwildis hatte sich spätestens im September letzten Jahres gemeinsam mit der imposanten NDR Bigband im Pumpwerk in die Herzen der Region gespielt. Dieses Mal bewies er auf gleicher Bühne eindrucksvoll, dass er keine große Jazzband im Rücken braucht, um die etwa 270 Besucher zum Schnipsen, Tanzen oder Singen mitzureißen.

Mit „Allem Anschein nach bist du’s“ zur Melodie von Bill Withers’ „Ain’t no sunshine“ nutzt er gleich zum Start die Chance, Bass, Schlagzeug und Gitarre einfach direkt mitzusingen und die Bühne allein vollends auszufüllen. Ganz nebenbei streut er Anekdoten und kurze Sprüche ein, die die Stimmung lockern. Die glänzenden Augen der weiblichen Besucherinnen sprechen eine klare Sprache – hier steht ein waschechter Charmeur auf der Bühne. Doch auch die Männer wehren sich nicht lang dagegen, Teil der Gwildis-Gemeinde zu werden.

Nach der One-Man-Show betritt Tobias Neumann die Bühne und begleitet von nun an Gwildis zurückhaltend und dennoch pointiert am Klavier. Das Zusammenspiel der Beiden ist ein Ausdruck ihrer langjährigen Freundschaft und des spürbaren Respekts der sie verbindet. Während Neumanns Solo bei „Wunderschönes Grau“ setzt sich Gwildis in die erste Reihe und schnippt, klatscht und johlt leidenschaftlich und authentisch mit. Es scheint ihm ernst zu sein damit, die Barrieren zu brechen, die sonst zwischen Künstler und Publikum bestehen bleiben, weit über das klassische Mit- und Nachsingen hinaus. Selbstverständlich beherrscht er auch diese Technik, aber am Wohlsten fühlt er sich, wenn spontan Dialoge entstehen, er eine HSV-Predigt aus dem Hut zaubert oder wenn eine Gruppe Damen das Mikrofon übernimmt und den Chor im Pumpwerk am Laufen hält. Manchmal, gerade wenn man ihm mangelnde Ernsthaftigkeit vorwerfen möchte, eint er das Publikum von jetzt auf gleich in einer Emotion. Bei „Sie lässt mich nicht mehr los“ driftet das Spiel zwischen Gwildis und Neumann fast in Comedy ab, obwohl man ihm doch so gern dabei zusehen und zuhören möchte, wie er sich verzehrt. Und dann ist er da, der Moment in dem die Stimmung kippt – bei Gwildis, bei Neumann und im gesamten Pumpwerk. Auf einmal fühlen alle seine Schmerz und werden leise. Seine Stimme dringt in die hintersten Ecken und die verschlossensten Herzen. Fast atemlose Stille füllt den Raum und das Publikum ist Wachs in den Händen dieses Mannes.

Gerade deshalb ist es schade, dass nach einer Stunde eine Pause die Stimmung zu zerstören droht. Doch nach 20 Minuten, in denen sich alle mit neuen Getränken versorgt haben, übernimmt Gwildis wieder die Bühne und den gesamten Saal. In dieser letzten guten halben Stunde stehen viele auf von ihren Stühlen und singen zu den bekannten Melodien, die sich der charismatische Sänger mit selbst geschriebenen Texten zu eigen gemacht hat. Ob „Regennacht in Hamburg“ zu Brook Bentons „Rainy night in Georgia“ oder Aretha Franklings „Chain of fools“, welches bei Gwildis zum schmissigen „Schön, schön, schön“ wird, für jeden ist etwas dabei und die Besucher gehen glücklich nach Hause. Wieder einmal konnte Stefan Gwildis begeistern und ist hoffentlich nicht das letzte Mal in der Region zu sehen gewesen!

erschienen im Jeverschen Wochenblatt 26.05.2015, Seite 4